Lohnnebenkosten runter – unsere moderne Chimäre

18.09.2009

Deutschland wird andauernd gerettet, jedoch selten so häufig wie in den letzten Monaten. Jetzt auch in einem gerade aktuellen Artikel über die Erhöhung der Mehrwertsteuer – welche Deutschland via der Senkung der Lohnnebenkosten retten kann!


Seit wieviel Jahrzehnten bekommen wir schon im ständigen Stakkato der Medien eingetrichtert, nur die verflixten Lohnnebenkosten wären zu senken, damit wir alle ein erfolgreicheres, glücklicheres Leben vor uns hätten?

Und wir glauben es. Wie der Protagonist des Buchs "Big Brother" am Ende seinen großen Bruder heiß und innig liebt, so lieben wir den Gedanken, dass nur die Lohnnebenkosten einem neuen deutschen Wirtschaftswunder (heißt nicht so ähnlich auch eine entsprechende Initiative?) im Wege stehen.

Doch vergessen wir dabei nicht Eines?

Die Lohnnebenkosten sind dafür da, damit nicht die Arbeitnehmer (gerne auch als "Verbraucher" bezeichnet) alleine die Kosten von Gesundheit und Altersvorsorge zu tragen haben, sondern damit auch Arbeitgeber sich daran beteiligen.

Dieses Prinzip wird jetzt schon viele Jahre laufend weiter unterhöhlt und es gibt starke Initiativen oder "Think Tanks" die sich nur damit beschäftigen, wie eine weitere Unterhöhlung gelingen kann, ohne dass jemand die Milchmädchenrechnung durchschaut und begreift, dass er es ist, der am Ende weniger Geld hat.

Viele, die sich von solchen beeinflussen lassen vergessen, dass wenn die Nebenkosten sinken, auch ihr Gehalt indirekt sinkt. Denn in Wirklichkeit kommen die Nebenkosten indirekt ihnen zugute. Wenn also beispielsweise Krankenkassenbeitragsreduktionen (oder vielmehr virtuelle Reduktionen, die von den Erhöhungen wieder aufgefressen werden) dadurch erkauft werden, dass man zum Beispiel als Patient mehr Zuzahlungen leistet – so mag sich der eine Arbeitnehmer vielleicht freuen, aber noch mehr freut sich sein Arbeitgeber, dem jetzt einen Teil der Lohnlast abgenommen wurde, den jetzt dagegen nur noch die Arbeitnehmer alleine unter sich mehr oder weniger solidarisch zu schultern haben.

Die allermeisten Lohnnebenkosten-Sparmodelle sind also letztendlich nichts weiter als Zuschußmodelle für Arbeitnehmer, die in Wirklichkeit Lohn einbüßen, um angeblich mehr Arbeitsplätze zu schaffen – das Gegenteil vom Mindestlohn, denn für Arbeitgeber zählt letztlich nur eines: Löhne müssen runter, "damit sich Arbeit (für sie) wieder lohnt".


Ein wenig besorgt kann einem da doch stimmen, dass eine knappe Mehrheit von Spiegel-Lesern in dessen Online-Publikation beim entsprechenden Artikel [01] für die Erhöhung der Mehrwertsteuer plädiert, zumal Spiegel-Leser im allgemeinen nicht als bloße Befehlsempfänger der Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft" [02] gelten.

Wenn man jetzt die Mehrwertsteuer "Zur Rettung Deutschlands" erhöhen will, so verteilt man die Lasten auch nur einseitig von den breiten Schultern der Arbeitgeber auf die Schultern um, die am wenigsten von ihrem Gehalt übrig haben – aber genau das scheint manchen Menschen in der Mittelschicht wohl gerade attraktiv zu sein, weil sie sich auch zu den Gewinnern einer solchen Umverteilung zählen mögen. Wenn sie sich da mal nicht verrechnet haben!

Auf jeden Fall vergessen sie, dass der soziale Sprengstoff wächst und zwar schon abgeschottete Areale für Millionäre in Europa gebaut werden – aber der gehobene Mittelstand keine solchen Schutzzonen vor dem HartzIV-Plebs vorweisen kann.


Zurück zum Anfang: Vielleicht wird Deutschland durch die Umverteilung von Lasten und die Verbilligung von Arbeitsleistung zugunsten von höheren Kapitalrenditen tatsächlich gerettet – aber ist das wirklich das Deutschland, in dem wir noch leben wollen?

Just,

*2Cents*

Links



Gesellschaft

Knowledge- Management

Softwareentwicklung

Softwarepatente

© Jürgen Lindemeyer, 2004-2009