Stoibers Investivlohn – ein unsozialer Irrweg

09.02.2008

Die soziale CDU/CSU ist wieder zurück. Nachdem die alten Recken des linken Parteirandes vom Schlage Norbert Blüm oder Geißler längst ausgemustert sind, mutiert Stoiber urplötzlich zum linken Vorkämpfer der die soziale Gerechtigkeit voranbringt — doch wohin bringt er uns wirklich?


Edmund Stoiber glänzt wieder durch Ideen. Er will mit günstiger Energie und Investivlohn die aktuell vernehmbare leichte Linksbewegung der Bevölkerung aufhalten [01] [02]. Kein Wunder, begreifen die Menschen in deutschen Landen doch langsam, dass weder Abschwung aber auch noch der Aufschwung ihnen nutzt, denn erster bringt weniger Arbeitsplätze und letzterer schwindende Kaufkraft durch höhere Preise und kaum mithaltende Löhne. Konkret heißt das, die Schere geht wieder auseinander – unter einer SPD-Regierung und erst recht unter einer schwarzen.

Das wiederentdeckte, kalte Herz

Was klingt ein Investivlohn doch so verlockend! Durch Aktiengeschenke der Firmen, staatlich verordnet oder gefördert, werden die Mitarbeiter am Erfolg ihres Unternehmens beteiligt und müssen dann nicht mehr so jammern, wenn die Firma zweistellige Gewinnzuwächse hat und ihre Lohntüten sich im Gegensatz dazu nicht weiter entwickeln.

Doch was bedeutet es wirklich, wenn wir den staatlich verordneten Investivlohn bekommen? Mutiert die CDU/CSU jetzt langsam zur sozialen Seele der Republik?

Warum gibt es keinen Aufschrei der Wohlhabenden und der Wirtschaftslenker? Ganz einfach, weil sie wissen, dass der Investivlohn kaum besser für sie sein könnte und letztendlich vor allem eine Schicht die Zeche bezahlen wird – die untere.

Wer meint, dass der Investivlohn zu mehr Gehalt führen wird, der hat schon einmal nicht genau hingehört. Man plant keinesfalls, einen Zusatz zum Gehalt – was man will ist, dass ein Teil der zukünftigen Gehaltssteigerungen in Investivlohn umgewandelt wird – also aus meiner Geldbörse, an die Börse.

"Doch, dann kann ich ja als Arbeitnehmer endlich mitprofitieren an den Gewinnsteigerungen meines Unternehmens", meint ein anderer. "Ja, das stimmt – aber wer hat dich bisher denn daran gehindert, Aktien deines Unternehmens zu kaufen?" frage ich zurück.

Warum gehen nicht tausende, millionen Arbeitnehmer hin und investieren in Deutsche Bank, Siemens oder Daimler – und profitieren damit von deren Dividendenausschüttungen und darüber hinaus noch von der Aktienwertentwicklung, die ja automatisch nur nach oben zeigen kann, will man Stoiber, Merkel und Konsorten Glauben schenken?

Ganz einfach: Sie brauchen ihr Gehalt – viele Menschen leben davon und neben steigenden Preisen, Vorsorge für Alter und Krankheit bleibt oftmals nur wenig übrig. Wer jetzt schon etwas übrig hat, investiert heute schon in Aktien oder sonstige Geldanlagen, die ihm am meisten Rendite bei einem vernünftigem Risiko versprechen. Jetzt soll der Angestellte, der Arbeiter umdenken: So viel wie möglich investieren in die eigene Firma oder einen ominösen "Deutschlandfonds".

Eigentlich hätte man so einen Vorschlag eher von einer Partei erwartet, die für maximale Gängelung der Menschen steht – für die Vollversorgung (kein Wunder, denn die Idee stammt ja auch ursprünglich von der SPD). Eine Partei wie die CDU aber, die ja immerhin einige Jahrzehnte mit der FDP koallierte, sollte eigentlich besser wissen, dass man Menschen die freie Entscheidungsfreiheit lassen sollte.

Was soll also der Investitionszwang bezwecken?

Der Investivlohn scheint vor allem erst einmal einen Effekt zu haben – die Sparquote wird (zunächst) erhöht. Wenn ein Mitarbeiter dagegen sein Heil an der Börse sucht, dann kann er vermutlich bessere Alternativen finden, als ausgerechnet in die Firma zu investieren, für die er arbeitet. Schon aus Risikobetrachtungssicht ist so ein Schritt Schwachsinn. Wenn es dieser Firma schlecht geht, dann hat man mit Entlassung zu rechnen und ein großer Teil der Kapitalreserven wären darüber hinaus in Gefahr – ein Irrweg höchster Güte!

Jeder, der nur das Geringste von Geldanlagen versteht, weiß dass man Risiken streuen, nicht bündeln soll!

Stoiber: Einpeitscher der Lemminge

Also warum plötzlich diese Verliebtheit der Politik in den Investivlohn? Nun, er hört sich für den ungeübten Zuhörer erstmal gut an und scheint viel zu versprechen – und er würde wenig bis nichts kosten. Am ehesten noch vielleicht dem Staat, falls der bereit wäre, einen Teil steuerlich zu begünstigen. Den Arbeitgebern würde er vermutlich aber garnichts kosten, so wäre deren Zustimmung sicher.

Doch würde er wirklich die großen Gewinne bringen? Nein! Denn wenn der kleine Arbeiter in der Lage wäre, wirkungsvoll an der Börse sein Gehalt aufzustocken, so würde er es jetzt schon tun. Was erwartet ihn stattdessen in der Hochburg des Kapitalismus? Chancen und Risiken. Die Chance, ein wenig mehr zu bekommen (durch steigende Aktien) und das Risiko, Teile seine Gehaltes zu verlieren, wenn es nicht so gut läuft.

Das Einzige was ihm staatlicherseits dann wieder genommen würde ist die Möglichkeit die Dinge über seine eigene Wahl zu beeinflussen. Aber das ist ja oft die Tendenz staatlicher Eingriffe.

Was letztlich passiert, wäre Folgendes: Der Arbeiter würde abhängiger von dem Geschehen der Börse werden und von dem Auf und Ab seiner Firma. Wenn sich das ein Arbeiter leisten könnte, dann hätte man das schon vor hundert Jahren machen können. Nein, für den kleinen Arbeiter, der keine Millionen Rücklagen hat, ist es in der Regel besser, ein fixes Gehalt zu beziehen, auf das er sich verlassen kann – und genau dieses will die Politik ihm jetzt auch Stückchen für Stückchen nehmen ("Wir wissen, was für dich gut ist!").

Die Erfahrung zeigt auch, dass von der Spekulation an der Börse immer wieder vor allem eine Gruppe profitiert: Die, die bereits genug Geld, Einkommen und Besitztümer ihr Eigen nennen. Sie haben die Rücklagen, sie haben die wirklich guten Finanzberater.

Wesentlicher Effekt des Investivlohns ist letztendlich, dass noch mehr Geld (unfreiwillig) in den monströsen Rachen Börse gepumpt wird – und das kommt natürlich den Eliten (Politikern wie Wirtschaftsgrößen) sehr zupass!

Umso mehr Geld in die Börse, in den Finanzmarkt fliest, desto mehr kann spekuliert und verdient werden – aber vor allem von den Oberschichten. Der neoliberale Kapitalismus lebt davon, dass möglichst viel Geld in den Spekulationsblasen umgesetzt wird und Fondsmanager über immer größere Vermögen frei verfügen können.

Welche Auswirkungen der Spekulationsmarkt bereits ohne Investivlohn heute bereits hat, das kann man an anderer Stelle bei mir nachlesen – nämlich hier: [03] und [04].

Der Investivlohn ist also eine geniale Möglichkeit, dass Spekulationsgewinne noch wichtiger werden, eine noch zentralere Rolle in unserem Leben einnehmen werden und dass echte Arbeit und Arbeitslohn gegenüber den Zins- und Spekulationsgewinnen noch weiter in das Hintertreffen geraten. Heute schon ruhen die sozialen Lasten nur auf der Lohnarbeit – dieses Problem sollte angegangen werden, anstelle die Lohnarbeit gegenüber der Spekulation und dem Gewinn durch reinen Besitz noch weiter zu entwerten.

Eines Tages kommt es dann noch soweit, dass die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter auffordern, doch einfach mehr an der Börse zu spekulieren, anstelle über Hunger zu lamentieren. Bestimmt werden wir uns dann noch an die heutigen "sozialen" Vorstöße des Herrn Stoiber erinnern.

Just,

*2Cents*

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