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Am Ende des real existierenden Kapitalismus
Am Ende des real existierenden Kapitalismus
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31.01.2008
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Als Kind hat man Träume und oftmals einfache Vorstellungen von der Welt.
Doch wenn man erwachsen wird und manchmal erst mit den Jahren stellt man
fest, dass die einfachen Weltbilder verschwimmen und man erkennt wie die
Welt wirklich ist und dass man eigentlich einem groß angelegtem Betrug
aufgesessen ist.
Wie viele von uns wuchs ich in diesem Land auf und mir wurde gelehrt, es
schön zu finden, es zu lieben und es als das Land zu sehen, welches das
beste politische und soziale System hat, das man sich vorstellen kann.
Wenn wir groß werden, dann entscheidet sich unser Einkommen,
unser Lebensstandard alleine nach unserem Ausbildungsstand, Können
und Fleiß, so lehrte man uns und viele glaubten es.
Ich glaubte auch an das Idyll des Kapitalismus, das es zu verwirklichen
galt: Ein Mensch wird nicht nach Willkür, Zufall oder Macht bezahlt,
sondern danach, welchen Wert seine Arbeit für die Gesellschaft
darstellt.
In der Theorie hört sich doch alles gut an: Die Menschen haben
Bedürfnisse und um diese zu decken, muss produziert werden. Wenn nicht
genug produziert wird, dann wird es Menschen geben, die zu wenig haben.
Wenn genug oder zu viel produziert wird, dann werden alle Menschen genug
zum Leben haben und es ist eine Frage der Verteilung, wer Überfluss hat
und wer nicht.
Die Mär vom gerechten Lohn
Doch heute bin ich etwas weiter. Wie funktioniert denn der real
existierende Kapitalismus im angehenden einundzwanzigsten
Jahrhundert?
Nun, dass wir weit weg vom Idyll sind, dürfte klar sein. Es ist schwer,
die Arbeit eines Menschen richtig einzuschätzen – schon erst Recht,
ihren Wert für die Gesamtgesellschaft. Ist die Arbeit einer
Krankenschwester wichtig, welche ihre Zeit damit verbringt, Menschen zu
pflegen und eine hohe Verantwortung für das Leben Kranker hat und sich
oftmals ihren Körper mit zu schwerer Arbeit ruiniert? Und wie sieht es
mit einem Vorstandsvorsitzenden eines großen Konzerns aus, der zwar sehr
viele Stunden in der Woche arbeitet, aber einen Teil davon z.B. bei
Arbeitsessen oder auf dem Golfplatz verbringt?
Warum wird der gleiche Vorstand mehrere tausendfach besser bezahlt wie
ein Ingenieur der vielleicht viele der Ideen hat, welche die Firma am
Leben erhalten und der in seinem Spezialgebiet vielleicht genauso selten
ist, wie die angeblich hochspezialisierten und international gesuchten
Management-Spezialisten?
Doch von der Schwierigkeit, Arbeitsleistung richtig einzuschätzen einmal
abgesehen, gibt es noch weitere Probleme.
Im angehenden einundzwanzigsten Jahrhundert wird ein Problem immer
dringlicher: Es gibt zu wenig Arbeit für alle die Menschen, die welche
wollen.
Eine widersinnige Situation: Wir produzieren genug – wir
produzieren sogar viel zu viel – dennoch gibt es nicht genug für
alle. Wir produzieren viel zu viel für die Müllhalden der Nation.
Inzwischen ist es so, dass jeder von uns am besten zwei oder drei
Handys haben sollte – besser noch jedes Jahr ein neues.
An der Produktionskraft der Industrienationen liegt es also nicht mehr.
Nein, wir produzieren sogar immer mehr, denn das oberste Prinzip des
Kapitalismus heißt Wachstum, Wachstum um jeden Preis.
Also warum sollten nicht alle Menschen genug haben? Warum sollte durch
Wachstum und Verteilung nicht jeder Mensch der will, einen Arbeitsplatz
haben und zu dem allgemeinen Überfluss sowohl beitragen können als auch
profitieren? Es ist genug da – warum verteilen wir es nicht einfach
einigermaßen gerecht, nach dem was die Menschen leisten?
Wenn es jetzt noch Menschen gibt, die zu wenig haben, warum wachsen wir
nicht einfach noch ein Stück, damit sie auch genug haben – hört sich
einfach an, oder?
Doch wer einfach Güter und Arbeit aufrechnet, der hat einen Faktor
vergessen. Das Geld.
Jenseits von Eden
Ein immer größer werdender Faktor ist das Kapital. Durch
Kreditzinsen und durch Aktienbesitz ist es nicht mehr nötig,
selbst zu arbeiten – sondern man läßt "sein Geld für sich
arbeiten". Das hört sich auf den ersten Blick gut an. Denn warum
sollte ich nicht mein Geld für mich arbeiten lassen, zum Beispiel
für die Altersvorsorge? Aber was sich schön anhört, das hat
letztlich extreme Auswirkungen.
Immer mehr Wirtschaftsleistung geht zugunsten des Kapitals und
fließt nicht mehr denen zu, welche die Güter erarbeiten. Was
vielleicht noch gut gehen mag, wenn es darum geht, dass man sich
dadurch Geld für den Lebensabend sichert, das geht nicht mehr gut,
wenn eine Minderheit der Menschen über Zinsgewinne und Renditen
(was letztendlich auch nichts anderes als Zinsen sind) das Anrecht
auf mehr und mehr Anteil der Wirtschaftsleistung erwerben ohne
dafür in auch nur annähernd entsprechender Weise arbeiten zu
müssen. Was ist denn ihr Verdienst für die Gesamtgesellschaft? Sie
haben Kapital – Punkt.
In Deutschland ist schon seit Jahrzehnten ein Trend zu erkennen:
Renditen werden immer wichtiger und sogar von großen Teilen der
Bevölkerung beklatscht. Wenn die Renditen an der Börse steigen, dann
steigt der Aktienindex DAX und alle die dort spekulieren, bekommen einen
Teil vom Kuchen ab. Doch welche Auswirkungen hat das?
Wenn die Renditen steigen sollen, dann müssen die irgendwo
herkommen. Die Wirtschaft wächst, das ist richtig, aber die
Renditen spiegeln nicht den Wirtschaftswachstum wieder, sondern
das Wachstum dessen was davon für den reinen Kapitalmarkt
abfließt! Also heißt das, dass der Anteil vom Kuchen derer die für
die Zuwächse tatsächlich arbeiten müssen abnimmt. Er nimmt ab,
damit der Anteil der Kapitalbesitzer steigen kann.
Nur so ist die widersinnige Situation zu erklären, warum einerseits
immer weniger Menschen arbeiten dürfen – diese andererseits aber immer
mehr arbeiten müssen. Inzwischen gibt es aber eine einfache Lösung:
Immer mehr Arbeit wird im Ausland verrichtet, wo die Arbeitsleistung
noch kapitalfreundlicher erbracht wird. Denn Arbeitsleistung soll immer
weniger kosten, während Kapital einen immer größeren Anteil vom Kuchen
haben soll – das ist die Regel des globalisierten Kapitals.
Das Kapital hat immer Recht
Gerade die Kapitalbesitzer werden von Politik und Gesellschaft
umworben. Ihr Einfluß steigt ist proportional zu ihrem
Kapitalbesitz selbst. Der Kapitalismus zeichnet sich heute dadurch
aus, dass das Kapital Primat ist und sich unsere Staaten Untertan
macht.
Darum muss der Sozialstaat in Deutschland abgebaut werden:
Damit dem Mittelstand, nachdem die Oberschicht die Rendite aus dem
Land gezogen hat, noch genug Geld bleibt, muss die Unterschicht
geplündert werden. Oder eben das was heute die "neue Unterschicht" ist.
Das "Prekariat" besteht heute nicht mehr nur aus Unwilligen, die
Bier saufen und auf dem Sofa liegen, sondern schon immer mehr aus
hochgebildeten Menschen, die für unser System der
Ungleichverteilung unnütz geworden sind.
Der "Florida-Rolf" ist heute vor allem noch eines: Die
Entschuldigung unserer schlechten Medien dafür, warum wir genau so
weiter machen müssen und warum Gier und Neid in der Welt des
Kapitalismus überaus positive Tugenden sind.
Unsere Wirtschaft wächst – aber die Rendite welche von der Oberschicht
aus der Gesellschaft herausgezogen wird, die wächst schneller als die
Wirtschaft – so läßt sich erklären, warum es Wenigen immer besser und
den Meisten immer schlechter geht, obwohl wir für die Halde produzieren
und obwohl wir Güter im Überfluss haben.
Wachstum bleibt uns. Die Wirtschaft muss wachsen und die Rendite muss
wachsen – also von den 1 Euro Jobs zu den 50ct Jobs und dann ...
Inzwischen wissen wir, dass wir nicht mehr weiter wachsen können,
denn die Erde kann nicht mehr so viele gierige Ausbeuter tragen.
Doch was wird dann aus der Rendite? Was aus den Aktienmärkten, was
aus den Aktienfonds welche die Hoffnung für eine Altersrente von
Millionen Menschen darstellen?
Wir geben also weiter Gas – Gas, weil es nicht anders geht und
weil der Kapitalismus es anders nicht zuläßt. Weil wir die
Heuschrecken brauchen, sie selbst eingeladen haben und mit immer
neuen Steuergeschenken die Kapitalismus-Karrawane bei uns zu
halten versuchen. Wir fürchten die Blutegel, welche uns den
Lebenssaft absaugen, aber wir nähren sie auch, wir betteln sogar
darum, ausgesaugt werden zu dürfen.
Deutschland kann nicht aussteigen, die USA kann nicht aussteigen,
die Welt darf nicht aussteigen!
Es erinnert mich an die Lemminge. Kurz vor der Klippe schreien wir
noch einmal auf und brüllen uns Mut zu – "Jetzt aber Volldampf
geben, das Ziel ist bald erreicht!"
Es gibt eine alte Geschichte über den Unterschied zwischen Himmel
und Hölle. In dieser hat ein Mensch einen Traum und darf den
Himmel sehen. Dort ist ein festlicher Bankett-Tisch mit den
köstlichsten Speisen. Die Menschen dort haben allerdings zwei
Meter lange Gabeln und Messer an ihre Arme geschnallt und füttern
sich deshalb gegenseitig mit dem Besteck. In der Hölle ist ebenso
ein gedeckter Tisch mit den gleichen köstlichen Speisen, doch
jeder versucht sich nur selbst zu füttern und verletzt sich dabei
mit dem überlangen Besteck – der Frust ist groß und letztlich wird
keiner satt.
Vielleicht leben wir heute auch nur in einem Vorstadium der Hölle –
heute, am Ende des real existierenden Kapitalismus.
Just,
*2Cents*
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