Von der Kommerzialisierung des Seins

26.03.2005

Eigentum ist zentral für unsere kapitalistische Gesellschaft. Das Streben nach immer mehr und der tägliche Konkurrenzkampf treibt die Menschen immer stärker an.
Was dabei herauskommt, wenn wir unseren Traum vom grenzenlosen Eigentum und den unbegrenzten Grenzzäunen weiterträumen, zeigt dieser Blick in die nahe Zukunft.


Tom sagte laut: "Abspielen Ennio Morricone – Spiel mir das Lied vom Tod". Die Musik, die er so sehr liebte, begann zu spielen. Gleichzeitig wußte Tom, dass kurz vor dem Abspielen des Musikstücks, welches sich auf der Festplatte seines Computers befand, 50 Uno-Cent von seinem Konto direkt auf das Konto von MicroBalm in Redmond/USA transferiert worden waren.

Doch noch konnte er es sich leisten. Er war 35 Jahre alt, hatte ein paar Jahre einen hoch bezahlten Job gehabt und etwas beiseite gelegt, was ihn wie er hoffte noch fünf Jahre länger über Wasser halten konnte, sofern er nicht zu viel Musik hörte.

Morricone war schon seit vielen Jahrzehnten tot, aber die Urheberrechte für seine Musik waren vor zwanzig Jahren komplett von MicroBalm aufgekauft worden – genauso wie die von vielen anderen berühmten Meistern des glücklichen zwanzigsten Jahrhunderts.

Es klingelte an der Tür. "Pause", lautete sein Befehl, denn Stop hätte bedeutet, dass er den Rest seiner 50 Cent verloren hätte.

"Hallo Tom!" – Bernhard stand an der Tür und lächelte Tom entgegen. "Was eine Überraschung, schön dich zu sehen!" begrüßte er seinen Freund, der sofort hereintrat und sich umblickte.

"Ja, ich dachte, ich komme einfach mal vorbei und störe Dich beim Nichtstun."

"Reden wir doch nicht davon, gut dass Du mal aus Deiner Denkerklause rauskommst", wehrte Tom ab.

"Ich muss Dir etwas zeigen", unterbrach Bernhard, dessen Stimme deutlich erregt klang, "das musst du einfach sehen und mir sagen was du davon hälst".

Kurz darauf saßen die beiden in dem gemütlichen Wohnzimmer über einem Stapel Papier gebeugt.

"Das ist es, mein Baby!" Bernhards Stimme überschlug sich fast vor Erregung, so dass es Tom schon beinahe peinlich berührte. "Was sagst du dazu, bitte sage mir was du davon hälst."

Tom studierte diese Papiere, er kannte das Thema, er selbst hatte in diesem Bereich Forschung für die IngineTack betrieben. Er selbst wusste, wie komplex das Thema ist und wieviele Menschenleben gerettet werden konnten, wenn hier ein Durchbruch möglich wäre.

Immer schneller blätterte er die Unterlagen durch, bis er zu der alles entscheidenden letzten Seite kam.

"Du hast es geschafft – du hast es wirklich geschafft!" hauchte er. "Wo andere versagt haben, hast Du einen Weg gefunden, der wirklich möglich scheint."

"Nicht scheint, er ist möglich – ich habe es gesehen!"

"Wie kannst Du so sicher sein?" Tom blickte seinem Freund scharf in die Augen.

"Ich habe es getestet!"

"Du hast es schon getestet?" Tom durchwühlte die Papiere in seiner Hand und hielt inne. "Du bist ein Genie!"

Die beiden tranken einen Cognac zusammen. Sowas mußte wahrlich gefeiert werden. Bernhard war ein unglaublicher Durchbruch gelungen, den Tom nicht für möglich gehalten hätte.

"Was wirst du nun tun?" fragte Tom seinen Freund.

"Ich werde dieses Verfahren zum Patentamt bringen und dann vermarkten."

"Hast du denn die 50.000 Uno, die das kosten wird?"

"50.000 Uno – wie kommst du denn nur auf so eine Wahnsinnszahl, Tom?"

"Tut mir leid, aber ich habe damals bei IngineTack an die zwanzig Patente selbst eingereicht und stehe bei ungefähr dreißig mit drauf. Ich weiß von was ich rede. Ein Patent kostet so viel, glaub' mir. Die Prüfverfahren sind extrem aufwändig und ohne teuren Patentanwalt hast du keine Chance, mein Freund."

"Nun, wenn ich meine Ersparnisse zusammenkratze und vielleicht ein paar Leute um ein Darlehen bitte, schaffe ich das vielleicht. Wie du weisst, habe ich schon das gesamte Vermögen meines Vaters aufgebraucht."

"Ja, ich weiss. Aber selbst dann sehe ich keine Chance."

"Wieso nicht?"

"Schau mal, Bernhard." Tom schaute seinem alten Freund direkt in die Augen. "Die Verfahrensweisen sind bereits durch Patente von IngineTack abgedeckt."

"Aber das ist doch nur Makulatur – diese Verfahren funktionieren doch alle nicht."

"Ich weiß. Aber diese Patente existieren trotzdem und sie sind so gefaßt, dass auch funktionierende Verfahren dadurch abgedeckt sind. IngineTack kann dich also in jahrelange Rechtsstreitereien verwickeln."

"Das kann doch nicht sein." Bernhard schaute entsetzt in Toms Gesicht. "Dann muss ich das Patent halt an IngineTack verkaufen."

"Aber IngineTack wird dir nichts dafür zahlen. Noch nicht einmal die paar Kröten, die sie den internen Mitarbeitern zukommen lassen."

"Warum denn nicht – tausenden von Menschen kann durch dieses Verfahren geholfen werden."

"Wegen MicroBalm."

"Was hat denn MicroBalm damit zu tun?"

"Wie du weißt hat IngineTack damals das Gen patentieren lassen, das bei dieser Krankheit defekt ist."

"Ja, das weiß ich."

"Nun, der Gendefekt selbst wurde allerdings nicht von IngineTack sondern von Henry Caldwell patentiert."

"Das weiß ich auch. Komm' bitte zur Sache."

"Nun, dieses Patent hat MicroBalm aufgekauft."

"Warum denn das? Henry Caldwell hat doch immer gesagt, dass er das Patent nicht rausgeben würde, sondern später von den Lizenzeinnahmen leben wolle."

"Leider wurde eine Hausdurchsuchung bei ihm gemacht, dabei kamen 300 unerlaubte MP3-Dateien zum Vorschein. Die Schadensersatzforderungen hätten ihn ruiniert. Deshalb hat er einen Deal mit MicroBalm gemacht. Die hatten ihn ganzschön in der Zange, sage ich dir. Wenn du mich fragst, hatte er sowieso nie eine Chance als Einzelperson seine Rechte durchzusetzen."

Langsam wurde Bernhard immer unruhiger: "Ja, ok also das Patent gehört jetzt MicroBalm – na und?"

"Nun, das ist ganz einfach: Die Vorstände von MicroBalm und IngineTack haben sich vor zwei Jahren zerstritten. Seitdem herrscht ein Kleinkrieg zwischen den beiden Firmen – und vor allem den Rechtsabteilungen der beiden. Deshalb wurde ja auch das Projekt eingestellt, an dem ich damals noch gearbeitet hatte."

"Was ist denn zwischen den beiden vorgefallen?"

"Angeblich soll der Vorstand von MicroBalm dem Chef von IngineTack beim Segeln mit seiner Yacht so geschnitten haben, dass dessen Yacht kenterte."

"Aha, ist ja sehr traurig!" antwortete Bernhard mit gequältem Unterton in der Stimme.

"Das ist noch nicht alles, was danach zwischen den beiden vorfiel, soll wochenlang in den Klatschkolumnen gestanden haben. Auf jeden Fall herrscht jetzt ein Patt zwischen den beiden Firmen in diesem Gebiet."

"Ein Patt – wie meinst du denn das?"

"Nun, sollte IngineTack mit einem Verfahren rauskommen, dann werden sie von MicroBalm verklagt werden und umgekehrt wird IngineTack jeden verklagen, der seine Patente verletzt."

"Also können beide das Verfahren nicht nutzen."

"Genau so ist es. Du hast es begriffen!"

"Aber dann kann doch eine andere ..."

"Nein!"

"Was heißt: Nein?"

"Nein, keine der beiden Firmen wird es zulassen, dass eine dritte Firma das Produkt rausbringt. Schon alleine deshalb, damit die andere nicht Lizenzgebühren kassieren kann."

"Aber das kann doch nicht sein. Das ist kein Produkt – das ist ein Verfahren, das Tausenden das Leben retten wird!"

"Nicht für IngineTack und MicroBalm! Für diese beiden Firmen ist es nur ein Produkt, das deren Patente und Interessen verletzt. Mehr nicht."

"Aber es muss doch einen Weg da raus geben." Bernhard holte Luft und versuchte Mut zu fassen: "Die Patente, die sind doch dünner als das Papier auf denen sie gedruckt sind – die muss man doch anfechten können."

"Ja, du hast Recht, sie sind wirklich verdammt dünn – ich kenne sie ja. Ein paar stammen sogar von mir. Aber es wird viele Jahre dauern, bis du die Rechtsstreitereien durchstanden hast. Die werden dich vor jedes Gericht zerren und dich behindern wo es geht. Das wird dich Millionen kosten – ohne eine Möglichkeit für dich, irgendwie Geld mit deinem Produkt zu verdienen. Bevor du es merkst, wirst du pleite sein."

Tom sah, wie Bernhards Kopf puterrot wurde: "Aber das kann doch nicht sein, all die Jahre, die ich an diesem Verfahren gearbeitet habe – all die Menschen, die weiterhin zum Sterben verurteilt sind!"

Bernhard hatte seinen Kopf in den Händen vergraben und sagte gar nichts. Lange Zeit saß er so da. Tom fühlte sich hilflos als er merkte, dass sein Freund weinte.

"Sie haben uns gesagt, dass wir Vertrauen haben sollen!" hauchte Bernhard in seine Hände und seine Stimme mischte sich mit seinen Tränen.


Tom stand am Fenster und sah die Tropfen des Regens an seinem Fenster Bahnen nach unten ziehen. Er wußte, dass jeder Tropfen dem Wasserkonzern LiquiBalm gehörte, der die Wasserkonzession des Landes erworben hatte. Auffangen von größeren Mengen Regenwasser war unter Strafe gestellt. Viele Arme taten es dennoch.

Als der Staat damals den Deal mit LiquiBalm unterzeichnet hatte, der die Haushaltsfinanzen entlasten sollte, hatte sich der Staatspräsident persönlich in einer Fernsehansprache an das Volk gewandt und wieder davon gesprochen, dass man doch Vertrauen haben solle.

Er musste unwillkürlich an das denken, was ihm ein alter Mann direkt nach dem Studium gesagt hatte: "Erfindungen sind die Tränen der Denker" – "Ja, und wir haben sie aufgefangen und uns literweise verscherbelt", fügte er innerlich hinzu.

"Fortsetzen Musik", sagte er laut. Die Mundharmonika aus Morricones Stück jagte Tom einen heftigen Schauer über den Rücken.

Die Zeit der Genies war endgültig vorbei!


Aufgezeichnet von:

*2Cents*



Gesellschaft

Knowledge- Management

Softwareentwicklung

Softwarepatente

© Jürgen Lindemeyer, 2004-2009